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10. Juni 2026

Ich war die Suchende

Wenn ich heute auf mein Leben zurückblicke, erkenne ich, dass mich dieses Gefühl schon sehr lange begleitet.

Damals hätte ich ihm keinen Namen geben können. Ich hätte nicht gesagt, dass ich auf der Suche bin. Es war eher ein leises Empfinden, das irgendwo unter der Oberfläche lag. Eine Ahnung, dass da noch mehr sein musste als das, was ich sehen konnte. Mehr als Schule, Alltag und die Dinge, die für andere selbstverständlich zu sein schienen.

Schon als Kind war ich oft in meinen Gedanken unterwegs. Besonders an Regentagen saß ich am Fenster meines Kinderzimmers und beobachtete die Raben. Noch heute kann ich sie vor mir sehen. Während der Regen gegen die Scheiben trommelte, stellte ich mir vor, wie es wohl wäre, irgendwo ganz anders zu leben. Weit weg von allem, was vertraut war.

Aus diesen Vorstellungen entstanden Geschichten. Gedichte. Ganze Welten.

Ich träumte von Orten, die ich nie gesehen hatte, von Abenteuern, von Freiheit und von einem Leben, das größer war als das, was ich damals kannte. Vielleicht begann genau dort meine Suche. Nicht nach einem bestimmten Ort, sondern nach einem Gefühl, das ich noch nicht benennen konnte.

Lange Zeit glaubte ich, ich müsse mich anpassen, um dazuzugehören. Ich dachte, mit mir stimme etwas nicht. Ich war zu leise, zu verträumt, zu sehr in meiner eigenen Welt. Während andere scheinbar mühelos ihren Platz fanden, hatte ich oft das Gefühl, irgendwie anders zu sein.

Damals trug ich vieles mit mir herum, das für ein Kind eigentlich zu schwer sein sollte. Gleichzeitig verstand kaum jemand, dass ich mich in meiner eigenen Gesellschaft nie wirklich einsam fühlte. Ich konnte stundenlang beobachten, schreiben, nachdenken oder mich in Geschichten verlieren. Was andere als Rückzug sahen, war für mich oft ein Ort der Lebendigkeit.

Heute weiß ich, dass ich mich damals nicht verloren hatte. Ich war nur noch nicht dort angekommen, wo diese Seiten von mir einen Platz haben durften.

Mit den Jahren wurde aus diesem Gefühl eine Suche.

Ich begann Fragen zu stellen. Über Menschen. Über das Leben. Über die Dinge, die wir nicht sehen und doch spüren können. Ich las Bücher, lernte unterschiedliche Sichtweisen kennen und versuchte zu verstehen, warum manche Erfahrungen uns tief berühren und andere scheinbar spurlos an uns vorüberziehen.

Doch je mehr ich suchte, desto mehr hatte ich das Gefühl, dass die eigentliche Antwort sich immer wieder entzog.

Vielleicht kennst du dieses Gefühl. Du glaubst, nur noch eine Erkenntnis entfernt zu sein. Nur noch dieses eine Buch. Diese eine Ausbildung. Diese eine Antwort. Und trotzdem bleibt da etwas in dir, das weiter sucht.

Bei mir führte mich dieser Weg schließlich nach Kanada. Damals ahnte ich nicht, welche Bedeutung diese Zeit einmal für mich haben würde.

Ich weiß noch, wie neu sich alles anfühlte. Niemand kannte meine Geschichte. Niemand hatte Erwartungen an mich. Niemand wusste, wer ich sein sollte. Zum ersten Mal hatte ich nicht das Gefühl, jemand sein zu müssen.

Da war Weite. Natur. Stille und vor allem Raum.

Raum, in dem ich mich nicht anpassen musste. Raum, in dem ich nicht funktionieren musste. Raum, in dem ich einfach ich sein konnte.

Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte ich mich frei und wurde angenommen, ohne mich erklären zu müssen. Ich musste nichts darstellen, nichts zurückhalten und nichts beweisen.

Jeder Tag fühlte sich an wie ein kleines Abenteuer. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich das Gefühl, mein Leben wirklich zu leben, statt es nur zu organisieren.

Manchmal blieb ich nach dem Einkaufen noch lange im Auto sitzen und blickte auf den endlosen Ozean. Ohne Ziel, ohne Eile, einfach nur da. An anderen Tagen beobachtete ich am Strand einen American Eagle, der über dem Wasser kreiste, oder hielt Ausschau nach der Robbe, die mich morgens oft vom Fenster aus begrüßte.

Die Luft roch nach Freiheit und nach dieser leisen Sehnsucht nach mehr, die mich schon mein ganzes Leben begleitet hatte.

Besonders erinnere ich mich an die Highland Games. An die Dudelsackmusik, die über die weiten Felder getragen wurde. An die Menschen, die sich vom ersten Moment an vertraut anfühlten, als würden wir uns schon viel länger kennen.

Da war auch die kleine Tochter eines neuen Arbeitskollegen. Ohne Zögern nahm sie meine Hand und zog mich mit sich. Damals war es nur ein kurzer Moment. Heute fühlt es sich an, als hätte mich das Leben selbst an die Hand genommen und in einen neuen Abschnitt geführt.

Als die Dudelsackmusik über das Gelände klang, füllten sich meine Augen mit Tränen. Nicht aus Traurigkeit, sondern wegen eines Gefühls, das ich nicht erklären konnte. Etwas in mir wusste einfach: Ich war angekommen.

Nicht am Ende meines Weges. Aber an einem Punkt, an dem ich erkennen durfte, dass sich jeder Schritt, jede Herausforderung und jeder Gegenwind gelohnt hatten.

Wir waren gegangen. Trotz aller Zweifel. Und es war genau richtig.

Damals dachte ich, Kanada hätte mir etwas gegeben. Heute glaube ich, dass Kanada mir etwas gezeigt hat. Nicht die Freiheit selbst, sondern den Teil in mir, der sich nach Freiheit gesehnt hatte. Nicht Zugehörigkeit von außen, sondern den Teil in mir, der sich endlich erlaubte, dazuzugehören.

Die Antworten, nach denen ich so lange gesucht hatte, lagen nie an einem bestimmten Ort. Sie lagen auch nicht in einem Buch, einer Ausbildung oder einem Menschen. Sie warteten in mir und doch brauchte ich all diese Erfahrungen, um das zu erkennen.

Rückblickend war die Suchende nie mein Problem. Sie war mein Weg. Sie hat mich neugierig gemacht, hinausgeführt in die Welt, Fragen stellen lassen, wo andere längst aufgehört hatten zu fragen und sie hat mich letztlich wieder zu mir selbst zurückgeführt.

Heute begleite ich Menschen oft an ähnlichen Punkten. Menschen, die spüren, dass etwas in ihrem Leben nicht mehr passt. Menschen, die an einer Schwelle stehen. Menschen, die das Gefühl haben, dass da noch mehr sein muss.

Nicht, weil ich alle Antworten habe, sondern weil ich weiß, wie es sich anfühlt, zu suchen. Und weil ich weiß, wie viel sich verändert, wenn wir irgendwann aufhören, die Antworten ausschließlich im Außen zu suchen und beginnen, unserer eigenen Stimme wieder zuzuhören.

Die Suchende in mir ist bis heute geblieben. Und das darf sie auch.

Der Unterschied ist nur: Früher suchte sie nach sich selbst. Heute geht sie mit sich selbst durchs Leben.

Ich bin meinen Weg schon lange gegangen. Ich habe längst begonnen, aber ich habe ihn nicht immer in Selbstführung gelebt.

Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis, die mir die Suchende geschenkt hat: Dass es nicht darum geht, jemand anderes zu werden. Nicht darum, endlich anzukommen. Nicht darum, die perfekte Antwort zu finden.

Stattdessen darum, sich selbst immer wieder ehrlich zu begegnen und den Mut zu haben, den eigenen Weg bewusst zu gehen.

Schritt für Schritt. Entscheidung für Entscheidung. Zurück zu sich selbst.

Vielleicht erkennst du dich in Teilen dieser Geschichte wieder.

Gab es einen Moment in deinem Leben, an dem du gespürt hast:

Hier beginnt etwas Neues.

Ich freue mich, wenn du deine Gedanken teilst.

– Stefanie

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