"Ich bin einfach nur durch" – Warum wir vor lauter Dogmen verlernt haben, einfach richtig zu sein.
Kürzlich habe ich von einer 111-jährigen Schweizerin gelesen. Als man sie zu ihrem unfassbar langen Leben befragte, sagte sie einen Satz, der mich wie ein Blitz getroffen hat: „Ich bin einfach nur durch.“ Keine Tipps für ein langes Leben. Keine stolzen Ratschläge. Einfach eine tiefe, ehrliche und natürliche Müdigkeit. Eine Lebenssattheit, die in unserer heutigen Zeit fast wie eine Provokation wirkt.
Dieser Satz brachte mich ins Grübeln. Schau dich doch mal um: Wir sind kollektiv besessen davon, ewig zu leben. Wir jagen jeder Strategie, jedem noch so kleinen Hinweis und jeder glänzenden Werbung von Influencern hinterher. Wir schlucken Pulver, zählen Kalorien, tracken unseren Schlaf und optimieren jede freie Minute. Und wofür? Um ja schlank zu sein, um irgendwelchen gefilterten Idealen zu entsprechen, um noch mehr leisten zu können.
Es erzeugt einen wahnsinnigen Stress. Einen Erwartungsdruck, der uns die Luft zum Atmen nimmt. Jeden verdammten Tag haben wir Angst, zu „sünden“. Angst, nicht den flachen Bauch zu haben. Angst, dass die teuren Nahrungsergänzungsmittel bei uns nicht die Wirkung zeigen, die uns auf Instagram suggeriert wird. Wir haben den Genuss verloren. Wir haben das eigentliche Leben verpasst. Statt Freude am Sein haben wir ein schlechtes Gewissen, wenn wir mal nicht perfekt funktionieren.
Als spirituell Praktizierende sehe ich diesen Schmerz fast täglich in meiner Arbeit und um ganz ehrlich zu sein: Ich kenne ihn auch aus meinem eigenen Leben. Ich kenne diese Zerreißprobe aus eigener Erfahrung, aber ich habe auch den Weg herausgefunden.
Versteh mich nicht falsch: Ich nutze selbst bestimmte Nahrungsergänzungsmittel. Sie sind wichtig für mich und unterstützen meinen Körper. Aber sie dürfen niemals der Fokus sein. Sie sind Begleiter, nicht der Sinn des Lebens. Wenn das Pulver im Glas wichtiger wird als der Frieden im Herzen, haben wir uns verlaufen. Denn dieser Druck macht vor keinem Lebensbereich halt. Er schleicht sich in unsere Rollen, in unsere Beziehungen, in unser Elternsein.
Ich sehe die Mütter, die in einer permanenten, zermürbenden Angst leben. Angst, ihren Kindern nicht genug zu geben – nicht genug Liebe, nicht die perfekten Nahrungsergänzungsmittel, nicht die gesündeste Bio-Mahlzeit. Und im nächsten Moment die umgekehrte Angst: Gebe ich vielleicht zu viel Liebe? Verwöhne ich sie? Arbeite ich nicht genug? Bin ich zu kraftvoll oder vielleicht viel zu sensibel für diese laute Welt? Jede Entscheidung fühlt sich an wie ein Tanz auf der Rasierklinge.
Ich sehe die Männer und Väter, die unter einer Last stehen, die kaum jemand ausspricht. Sie haben Angst, die Familie nicht ausreichend versorgen zu können. Sie wollen stark sein, ein Fels in der Brandung. Aber bloß nicht so stark, dass die Partnerin sich bevormundet fühlt. Und gleichzeitig dürfen sie nicht so schwach sein, dass ihnen abgesprochen wird, ein „echter Mann“ zu sein. Wo ist ihr Platz in diesem Gefüge?
Und ich sehe die Ehepaare, die sich fragen, ob ihr Lebensmodell überhaupt noch zeitgemäß ist. Da ist diese subtile Angst, weil man verheiratet ist – ist das nicht ein veraltetes, patriarchales Muster? Man hinterfragt die eigene Liebe, weil ein gesellschaftliches Dogma sagt, man müsste heute freier, ungebundener oder spirituell autarker leben.
Gefühlt ist jede Seite des Lebens zu einem Drahtseilakt geworden. Unter all diesem Druck, alles richtig zu machen, haben wir schlichtweg verlernt zu leben. Wir haben verlernt, uns zu spüren.
Heute Morgen habe ich die Notbremse gezogen. Multimedia weg. Stecker ziehen. Stille. Ich habe mich mit mir selbst verbunden und mich gefragt: Was fühle ich? Wie fühle ich mich wirklich? Was fühlt sich für MICH richtig und wichtig an? Nicht für eine App, nicht für einen Online-Guru. Für mich.
Ich bin rausgegangen in die Natur. Der Wind war kühl, die Luft roch nach Erde. Und dann sah ich sie: Raben, die frei am Himmel ihre Kreise zogen. Ich dachte an mein Krafttier, den Raben, und eine tiefe Dankbarkeit breitete sich in mir aus. Keine Erwartungen, kein Leistungsdruck. Einfach nur Sein.
Und das Universum antwortete sofort: Kurz vor meiner Haustür lag eine einzelne, wunderschöne Rabenfeder. Sie lag da wie eine kleine, liebevolle Botschaft, die mir zuflüsterte: „Ich bin bei dir. Du musst nichts jagen. Du bist bereits genau richtig.“
Es gibt nicht den einen perfekten Weg. Es gibt nur deinen Weg. Mit all deinen Facetten, deinen Nahrungsergänzungsmitteln, deinen Zweifeln, deiner Sensibilität und deiner Stärke. Lass uns aufhören, uns gesund zu stressen. Lass uns den Mut haben, die Perfektion loszulassen, den Genuss zurückzuholen und wieder auf unsere eigene, weise Stimme zu hören.
Am Ende all dieser Dogmen zählt schlussendlich nur eins: Wir sind alle richtig. Wenn du bereit bist, diesen Drahtseilakt zu beenden und wieder in dein echtes, unzensiertes Sein zu finden – ich kenne den Weg.
Lass uns ihn gemeinsam gehen.
